Mitfiebern im Schlafsack – (K)eine Wahlparty beim Public Viewing

en3Noch nie“ – zwei Wörter die sich hinsichtlich der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 unglaublich oft aufführen lassen.

Noch nie war eine Wahl so spannend und weltweit diskutiert wie in diesem Jahr: die Demokratin Hillary Clinton gegen den Republikaner Donald Trump. Das einzige, was diese beiden Kandidaten gemeinsam haben, ist ihr Ziel: der Einzug ins Weiße Haus. Noch nie war das amerikanische Volk so gespalten und polarisiert hinsichtlich der Parteien und ihren Interessen. Noch nie gab es eine so hohe (Vor-)Wahlbeteiligung und eine so große Anzahl an Wählerregistrierungen wie in diesem Jahr.

Ein Ereignis gab es vorher allerdings auch noch nie: das Wahlwatching der Election Night am Institut für Politikwissenschaft. Das besondere Event für Studenten und andere Interessierte hatten sich die Institute für Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft und Amerikanistik, als auch der FSR der Philosophischen Fakultät überlegt, um einen internationalen Austausch unter den Studierenden anzustoßen.

 

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Wenn man an diesem Abend durch die Gänge des Instituts streift, wird deutlich, dass ihnen das mehr als gelungen ist. Die amerikanische Deko und das Buffet, die Vorträge und der Maltisch, an dem man Hillary und Donald seinen eigenen Look verpassen kann. All das entfacht echtes ‚America-Feeling‘. Jeder Anwesende kann frei nach seinen Interessen den Abend gestalten, alle Viertelstunde ertönt eine Glocke und macht auf den nächste Vortrag aufmerksam. Durch diesen Input angeheizt, steigt das Diskussionspotential und man gewinnt völlig neue Blickwinkel auf die Wahl und die Kandidaten. Den ganzen Abend über gibt es Spiele, Quiz, Hotdogs – sogar das Weiße Haus wird von Studenten mit Lego nachgebaut. Die Freiheit, dass jeder machen kann, worauf er Lust hat, fördert die Stimmung ungemein. Alle Altersklassen und Nationalitäten werden hier durch gemeinsames Interesse vereint, was das Wahlwatching zu einem echten Erlebnis werden lässt. Iwelina Fröhlich, eine der Hauptorganisatoren, ist selbst überrascht und sichtlich zufrieden: ´´Wir haben mit 80 Leuten gerechnet, jetzt sind es mehr als 200! Gemeinsamer, internationaler Austausch, die aktive Teilnahme an der Wahl war unser Ziel. Dieser Großraum-WG-Charakter ist genau das, was wir erreichen wollten. Der Abend dient als Inspiration für uns alle und das Institut bekommt eine ganz neue Persönlichkeit.„

 

Gegen Mitternacht kommt langsam Spannung auf und die Vortragsräume platzen aus allen Nähten. Vor allem die Plätze bei der Wahlprognose von Erik Fritzsche sind heiß begehrt. Mit Vorfreude wird die Live-Schaltung nach Washington D.C. erwartet: via Skype erzählt ein amerikanisches Ehepaar aufgeregt von der Atmosphäre in Washington und ihren persönlichen Erwartungen. Für beide ist es völlig inakzeptabel, Trump ihre Stimme zu geben, und nicht nachvollziehbar, dass so viele ihrer Mitbürger ihn für einen geeigneten Kandidaten halten. Auch sie verfolgen weiterhin die Ergebnisse der einzelnen Staaten und sind sichtlich nervös.

Es ist nun zwei Uhr nachts und die Menge hat sich versammelt, um die Live- Streams gemeinsam zu verfolgen. Es haben erst in drei Staaten die Wahllokale geschlossen, das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf den Swingstates wie Florida und dem dortigen Kopf-an-Kopf- Rennen. Trotz der späten Uhrzeit sind die Räume noch immer prall gefüllt. Wenn Ergebnisse verkündet werden, dann stets unter leichtem Jubel für Clinton. Hier fiebert die Mehrheit für die Demokratin mit und würde sich einen stärkeren Vorsprung für sie wünschen. Auch in der Umfrage am Abend im Institut war Clinton eindeutig als Wunschkandidatin hervorgegangen. Während die ersten Schlafsäcke ausgepackt werden, wird das Rennen immer enger. Viele Wahlbezirke sind „too close to call“, also zu knapp beieinander um einen Gewinner festzustellen. Die Spannung lässt sich in allen Gesichtern erkennen.

 

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Die Stimmung ist perfekt, bis 3.30 Uhr. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt kippt die Prognose zu Gunsten Trumps. Und plötzlich kippt auch die Stimmung bei den Wahlwatching-Teilnehmern. Der Lärmpegel steigt mit jedem Zehntel Prozentpunkt für Trump. Alle diskutieren heftig und überlegen wie Clinton noch gewinnen könnte. Auch wer frische Luft schnappen geht, entkommt keiner Diskussion, denn selbst vor dem Gerber-Bau hat sich eine laute Debatte ergeben. Ebenso in den Büros einiger Dozenten, wo diese mit Studierenden gleichzeitig den CNN-Stream und die Google-Wahlzettelauszählungen beobachten. Für jeden Wahlkreis gibt Google live den Stand der Auszählungen und die abgegebenen Stimmen für jeden Kandidaten an. So lässt sich gegen 4 Uhr auch erkennen, dass Hillary Clinton wohl kaum noch eine Chance hat. Jetzt prognostiziert die New York Times eine 54%-ige Gewinnchance für Trump, diese Wahl zu gewinnen. Und trotzdem trauen sich nur wenige zu diesem Zeitpunkt nach Hause zu gehen. Niemand will diese historische Wahl verpassen. Erst als Trump Ohio und Florida, zwei wichtige Swingstates, für sich entscheidet, treibt viele, neben der schlechten Stimmung, auch die Müdigkeit nach Hause. Die Räume lichten sich allmählich, und Stille kehrt wieder in die Gänge des Instituts, so, wie es sich für diese Uhrzeit eigentlich gehört. Wenn man jetzt umher schaut, kann man kaum glauben, was sich hier heute Abend abgespielt hat.

 

Das Organisationsteam des Abends hat etwas geschafft, was man an einer Uni für fast ausgeschlossen hält: Freiwillig kommen Hunderte Studenten zusammen, hören sich Vorträge von Dozenten an und begeistern sich für eine Wahl. Die US-Abstimmung hat dieses Jahr alle in ihren Bann gezogen. „Deutsche Wahlen werden sicher nicht so intensiv verfolgt“, meint auch Ben, ein Teilnehmer des Wahlwatchings. Wer weiß, wie das nach diesem Ausgang zur Bundestagswahl 2017 aussieht. Ein Public Viewing für Wahlen ist auf jeden Fall ein Erlebnis für sich!

Annafried Schmidt