Mein Name ist …

Aktive Flüchtlingshilfe leisten statt Gewalt und Proteste auf der Straße unterstützen. Nicht nur reden, sondern selbst etwas für die Integration und gegen die Fremdenfeindlichkeit unternehmen. Statements, die Felicitas Zimmermann, Lehramtsstudentin in Dresden aktiv lebt – in dem sie Deutschunterricht für Flüchtlinge gibt. Wir haben uns mit der 21-jährigen getroffen und nach Ihrer Motivation gefragt. Prof. Joachim Scharloth, Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden, schickte im Ende 2015 eine Rundmail an alle Germanistik- und Lehramtsstudenten und rief sie dazu auf, freiwillig Deutschunterricht für Flüchtlinge zu geben, so die Studentin. Wer Lust und Zeit auf das Projekt habe, der solle sich anschließend melden. Neben anderen Studierenden hatte sich auch Felicitas bereit erklärt, am Projekt teilzunehmen und einmal in der Woche im Islamischen Zentrum Heimatvertriebenen die deutsche Sprache näher zu bringen. Geleitet hat die Lehramtsstudentin danach einen A1 Deutschkurs in dem bis zu 15 Frauen vor allem aus Syrien und dem Irak saßen, manche sogar mit Kind. „Zu Anfang jeder Stunde hieß es Straßenschuhe aus und Hausschuhe an. Dieses Ritual brachte eine gemütliche und fast schon familiäre Atmosphäre in den Unterricht“ beschreibt die gebürtige Leipzigerin. Neu sei auch die Tatsache für sie gewesen, dass der Unterricht geschlechtergetrennt stattfand und dass erst begonnen werden konnte, wenn die Türen der Frauenlehrräume geschlossen waren. Obwohl die Integration in die deutsche Kultur, im Vordergrund stünde, mussten aufgrund religiöser und kultureller Unterschiede Regeln eingehalten werden. Zur Verdeutlichung meint die Studentin: „Zum Beispiel durften Frauen sowohl Männer als auch Frauen unterrichten, wohingegen es Männern untersagt war Frauen zu unterrichten. Mit diesen Maßnahmen ging die Leitung des islamischen Zentrums unnötigen Konflikten aus dem Weg“. Durch zahlreiche Spenden sei es möglich, dass die Schüler Lehrbücher und sogar Arbeitshefte für den Unterricht bekamen. Jedoch, so Felicitas weiter, mussten nach dem zweistündigen Unterricht die Lehrmaterialien wieder eingesammelt werden.

Denn die Realität zeigte, dass es nie sicher gewesen sei ob die Frauen noch einmal zum Unterricht kamen oder nicht. Viele der Frauen würden wieder in andere Auffanglager versetzt oder könnten den langen Weg bis zum islamischen Zentrum mit Kind nicht jedes mal auf sich nehmen. Durch den ständigen Wechsel der Frauen sah sich die Studentin immer wieder neuen Herausforderungen gegenüber. Mithilfe von Spielen und anderen Tricks versuchte sie, die unterschiedlichen Deutschkenntnisse miteinander zu vereinen. Nach eigenen Angaben saßen sich die Schüler öfters in einem Kreis gegenüber und stellten Alltagsszenen nach. Dabei lernten sie auch diverse Höflichkeitsformen und die allgemeinen Vorstellungsvokabeln wie: „Meine Name ist…“. Die 21-jährige ergänzt: „Grundelemente, die zu Beginn des Unterrichtes immer wiederholt wurden, waren das ABC-Lied und die Zahlenreihe. Die freiwilligen Lehrer hatten also einen groben Lehrplan, aber beim Ausgestalten ihres Unterrichtes freie Hand.“ Doch wie verständigt man sich eigentlich mit Menschen, denen man die eigene Sprache beibringen will, aber selbst ihre Muttersprache nicht sprechen kann? Dazu erklärt Felicitas: „Die syrischen Frauen sind sehr gebildet, viele haben studiert und können auch Englisch sprechen. Was nicht mit Englisch zu erklären war, ging über Mimik und Gestik oder auch sehr gerne habe ich einfach Bilder an die Tafel gemalt. Außerdem hatte jeder im Unterricht ein Wörterbuch.

Die Frauen waren sehr wissbegierig und ich wusste immer sofort anhand ihres Gesichts ob sie etwas verstanden oder nicht.“ Verständigung sei also kein Problem gewesen. Selbst die drei bis zehn Jahre alten Kinder der Frauen verhielten sich den zweistündigen Unterricht über immer sehr aufmerksam und wären schon bald besser in Deutsch als ihre Mütter: „Wenn die Mutter etwas sagte, dann galt dass auch. Ob dieser Unterschied zu den deutschen Kinder kulturell bedingt ist, lässt sich schwer sagen. Man muss sich immer vor Augen halten diese Kinder haben eine Flucht hinter sich. Automatisch werden dann die Eltern zum größten Bezugspunkt“, so die Lehramtsstudentin. Jedoch verneint sie die Frage, ob Flucht ein Thema im Unterricht war. Im Mittelpunkt stünde wirklich das Erlernen der deutschen Sprache. Da Felicitas nicht qualifiziert sei, der psychologischen Verantwortung gerecht zu werden, die eine solche Thematisierung wahrscheinlich mit sich brächte, vermied sie diese Angelegenheit. Nur einmal konnte sie dem Thema nicht ausweichen, als im Kontext zu „Die Frauen waren so dankbar und freuten sich schon immer auf die nächste Deutschstunde. Jeder der sich fremdenfeindlich äußert, dem kann ich jetzt entgegen treten und sagen – Ich habe das aber anders erlebt!“ einem Arbeitshefttext das Wort „vermissen“ zu klären gewesen sei. Viele haben Verwandte, Freunde oder ihren Ehemann zurücklassen müssen. Nur allzu gut würden sie die Bedeutung des Wortes kennen. Schicksale, die auch die Wahl- Dresdnerin nach dem Deutschunterricht nicht immer sofort losließen. Je länger sie sich mit den Frauen auseinandersetzte, desto bestärkter fühlte sie sich in ihrem Tun:

„Die Frauen waren so dankbar und freuten sich schon immer auf die nächste Deutschstunde. Jeder der sich fremdenfeindlich äußert, dem kann ich jetzt entgegen treten und sagen – Ich habe das aber anders erlebt!“.

Um das Interesse der Flüchtlinge und den Spaß am Deutschlernen zu wecken, suchte Felicitas mit ihnen gemeinsam nach Themen für den Unterricht. Ein Thema war zum Beispiel deutsche Traditionen und Feste. Die Frauen überraschten die angehende Lehrerin mit ihrem bereits breiten Wissen über Weihnachten oder Ostern und wären offen gewesen, Neues zu erfahren. Außerdem wäre ihnen am Herzen gelegen, informiert zu werden, welche Produkte Schwein enthielten. So musste die Studentin auch darüber aufklären, dass die Gelatine in Süßigkeiten häufig aus Schweineknochen gewonnen wird. Von fehlendem Interesse und Neugier am fremden Land Deutschland, habe sie im Unterricht nichts gespürt. Woher Felicitas die Motivation nahm, neben dem sehr anspruchsvollen Lehramtsstudium, einen Deutschunterricht für Flüchtlinge vor- und nachzubereiten, erklärt sie so: „Anstatt mit Gewalt oder Parolen gegen PEGIDA zu demonstrieren setze ich mich lieber aktiv für Flüchtlinge ein und zeige so mein ganz persönliches Statement gegen Fremdenfeindlichkeit. Nicht nur reden, sondern selbst aktiv helfen, die Situation der Flüchtlinge zu verbessern!“. In Zukunft setzt sie sich dafür ein, dass der Studiengang Deutsch als Fremdsprache wieder an der TU angeboten wird: „Als angehende Lehrer und Lehrerinnen haben wir später die Kinder der Immigranten in unseren Klassen sitzen. Ich selbst hätte auch gerne nach dem Projekt Deutsch als Fremdsprache im Zweitfach studiert, nur leider wird dieses seit kurzem nicht mehr angeboten. Es wäre aber fatal gerade jetzt diese Möglichkeit den Lehramtsstudenten zu verschließen. Dieses Thema wird für uns bald so aktuell sein wie nie.“ Und tatsächlich: kurz nach dem Interview mit Felicitas soll, nach Angaben der TU, Deutsch als Fremdsprache wieder angeboten werden. | Florentine Anna Zimmermann


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