Forschung querbeet – Die Forschungsprojekte im Bachelor WS15/16

Foto: F. Dobrick
Foto: F. Dobrick

Nach zwei Jahren Theorie in Sachen Forschungsmethoden bekamen die Studierenden im 5. Fachsemester Medienforschung in diesem Winter die Gelegenheit, das Gelernte endlich auch einmal in einem realen Forschungsprojekt anzuwenden. Dabei wurden im Rahmen der Lehrveranstaltung alle Schritte, von der Formulierung einer Forschungsfrage, über die Operationalisierung bis hin zu Datenerhebung und Auswertung bearbeitet. Die Studenten führten in Gruppen vollständige Forschungsprojekte durch, welche anschließend im IfK präsentiert wurden. Einige Arbeiten wurden sogar bei Studies in Communication Media zum Pre-Review eingereicht und bekommen somit die Chance, veröffentlicht zu werden. Von J. Daduna & C. Seifert.

„“Ich habe gelernt, dass man immer ein bisschen kritisch bleibt mit dem, was am Ende als Ergebnis rauskommt“ | Bianca Weigelt

Pegida & Populismus
Mit diesem Themenfeld haben sich fünf Einzelgruppen befasst, welche sich jeweils mit unterschiedlichen Aspekten der Pegida-Bewegung und Populismus im Allgemeinen befasst haben.

  • PEGIDA aus der Sicht der Anderen: Eine vergleichende qualitative Inhaltsanalyse der Medienberichterstattung über Pegida in Großbritannien, Österreich und der Schweiz
    gegenüber der deutschen Medienberichterstattung zeigte, dass es nur geringe Unterschiede zwischen den Berichterstattungen gibt und Pegida einheitlich als Anti-Islam-Bewegung beschrieben wird. Aufgefallen ist zudem, dass vor allem Lutz Bachmann im Fokus der internationalen Presse steht.
  • Diskursqualität bei #NoPEGIDA: Die Erfüllung der Normen eines demokratischen Diskurses in der Kommunikation der Dresdner Protestbewegungen gegen Pegida wurde mit Hilfe von Populismus und Deliberation inhaltsanalytisch anhand von Facebook-Posts untersucht. Die Analyse verdeutlichte, dass die Posts die Normen eines demokratischen Diskurses nicht erfüllen und das Auftreten von Populismus keinen negativen Einfluss auf den Grad der Deliberation bedingt.
  • Zeitungen auf dem Prüfstand: Die Radikalität innerhalb der Pegida-Reden wurde anhand einer inhaltlichen und rhetorischen Analyse untersucht. Hierzu wurden alle Reden der Pegida-Anführer Lutz Bachmann, Katrin Oertel sowie Tatjana Festerling über einen Zeitraum von Oktober 2014 bis Oktober 2015 analysiert. Die Erkenntnisse zeigen, dass die Inhalte der Reden über den Zeitverlauf fremdenfeindlicher sowie volksverhetzender wurden. Der Anstieg war jedoch schwach und es gab eine starke Streuung. Rechtspopulistische Rhetorik fand sich von Beginn an in einem hohen Maße in den Reden.
  • Die Quellennutzung von PEGIDA und #NoPEGIDA:  Diese Inhaltsanalyse untersuchte die verwendeten Medien auf den Facebook-Seiten von PEGIDA und deren Gegenorganisationen. Dabei wurde mit Hilfe der Software „Facepager“ gearbeitet. In den Ergebnissen zeigte sich, dass Verlinkungen zu Facebook bei beiden Bewegungen am häufigsten auftreten. Zudem konnte festgestellt werden, dass PEGIDA deutlich häufiger ablehnende Themeninhalte veröffentlicht, während No- PEGIDA eine ausgeglichene Verteilung von Links veröffentlicht.

 

Gesundheitskommunikation
Innerhalb des Themenfelds der Gesundheitskommunikation haben sich vier Gruppen verschiedenen Aspekten der interpersonalen Gesundheitskommunikation im Internet gewidmet.

  • „Swipe Right for Chlamydia“: Mit Hilfe einer Online-Befragung unter Studenten der TU Dresden wurde der Zusammenhang von Dating App-Nutzung mit dem Verhütungs- und Sexualverhalten sowie der Kommunikation in der Peer-Group untersucht. Zunächst wurde deutlich, dass nur ca. 10% der Studenten eine Dating-App nutzen und über 70% noch nie eine genutzt haben. Die Analyse zeigte, dass die Nutzer einer Dating App impulsiver als Nicht-Nutzer sind und ein deutlich riskanteres Sexualverhalten aufweisen. Darüberhinaus konnte festgestellt werden, dass es keinen Zusammenhang zwischen Peer-Group-Kommunikation und Verhütungsverhalten gibt, jedoch einen positiven Zusammenhang zwischen Peer-Group-
    Kommunikation und Sexualverhalten. Zudem zeigen sich bei Nutzern und Nicht-Nutzern ein Zusammenhang zwischen dem Peer Approval und dem Sexualverhalten auf. Wenn also unverbindlicher Sex von der Peer Group akzeptiert scheint, neigt eine Person auch eher zu riskanterem Sexualverhalten.
  • Glaubwürdigkeit auf Blogs: Für die Untersuchung von Diabetes-Blogs wurde der Einfluss der Qualität eines Blogs auf dessen wahrgenommene Glaubwürdigkeit und die Rolle parasozialer Beziehungen zwischen Leser und Blogger geprüft. Dazu wurde eine Inhaltsanalyse der Blog-Artikel zur Untersuchung der Qualität sowie eine Online-Umfrage auf den Blogs zur Glaubwürdigkeit und parasozialen Beziehungen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Qualität eines Blogs und dessen Glaubwürdigkeit gibt. Die Stärke der parasozialen Beziehungen beeinflusst hingegen zu 30% die Glaubwürdigkeit des Bloggers und zu 37% die des Inhalts. Beide Arten von Glaubwürdigkeit beeinflussen sich auch gegenseitig.
  • Interpersonale Kommunikation in Selbsthilfeforen: Am Beispiel des Themas „Zwangsstörungen“ wurde mit Hilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse analysiert, wie sich die Kommunikation in ausgewählten Web-Foren formal und inhaltlich charakterisieren lässt. Die Analyse zeigte, dass die Foren hauptsächlich von Betroffenen genutzt werden. Emotionen werden häufig nicht durch Emoticons, sondern durch Satzzeichen und Großbuchstaben ausgedrückt. Die formale Untersuchung zeigte, dass der durchschnittliche Thread sechs Tage besteht und im Schnitt neun Antworten auf einen Beitrag folgten.
  • Sozialer Druck auf Instagram: Bei dieser Analyse wurde das Stressempfinden von einflussreichen Personen, sogenannten „Influencern“ auf Instagram untersucht. Ein Influencer ist eine Person, die durch ihr Ansehen in den sozialen Netzwerken für Marketingmaßnahmen interessant wird. Als Methode diente eine Online-Umfrage unter Influencern auf Instagram. Es konnte festgestellt werden, dass das Alter keinen Einfluss auf das Stressempfinden eines Influencers hat. Das Stressempfinden steigt zudem nicht mit einer höheren Anzahl von Followern, sondern bleibt konstant. Jedoch zeigt sich ein höheres Stressempfinden bei weiblichen Influencern mit ausgeprägten neurotischen Persönlichkeitsmerkmalen. Zudem steigt das Stressempfinden umso mehr Zeit auf Instagram verbracht wird.

 

Wirtschaftskommunikation
Im Bereich der Wirtschaftskommunikation haben alle Seminarteilnehmer an einem großen Forschungsprojekt zusammengearbeitet. Weil die Erwartungen der Bevölkerungen in Bezug auf die wirtschaftliche Lage Deutschlands nicht nur für das ökonomische Verhalten, sondern auch für politische Einstellungen ein nachweislich großer Einflussfaktor sind, befasste sich das Projekt mit der Suche nach Erklärungen für die Bildung und Entstehung dieser Erwartungen.

  • Insbesondere die Mediennutzung der Bevölkerung spielte dafür eine wichtige Rolle. Um die Ursachen der Erwartungsbildung auf individuelle Nutzungs- und Persönlichkeits- sowie soziodemographische Faktoren zurückführen zu können, wurde ein Multimethodendesign aus einer Panelbefragung und einer Inhaltsanalyse konzeptioniert. Die Ergebnisse zeigen: je häufiger jemand Kontakt mit boulevardesken – also besonders reißerischen, emotionalisierten und personalisierten Inhalten – hat, desto negativer sind auch seine Erwartungen über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Dabei ist es übrigens nicht die Berichterstattung über die Wirtschaft selbst, die Pessimismus verbreitet, denn die positive Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts sorgte im Untersuchungszeitraum für optimistische Schlagzeilen. Stattdessen dürfte sich Berichterstattung über z.B. fremdenfeindliche Übergriffe und die Flüchtlingskrise auf die wirtschaftlichen Erwartungen der Menschen ausgewirkt haben. Lediglich die eigene Prognose über die persönliche wirtschaftliche Lage kann noch mehr erklären als die Nutzung boulevardesker Inhalte: glaubt jemand in Zukunft finanziell schlechter dazu stehen als momentan, so wird er in Bezug auf die Entwicklung der gesamtgesellschaftlichen Wirtschaftslage auch pessimistischer sein.

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