Das Radio – ein konkurrenzloses Medium?

Was haben Kochen, Autofahren und Putzen gemeinsam? Sie können ohne Gesellschaft ganz schön langweilig sein! Und was macht man dagegen? Genau, das Radio an!  Aber warum eigentlich? Na, weil das schon immer so war!

      Genau das ist es vielleicht, was das Radio-Hören so interessant macht: Es nimmt einen Platz in unserem Alltag ein, ohne dass wir es so recht bemerken. Es wird eingeschaltet, weil es zu gewissen Situationen dazugehört. Was hinter dem Phänomen des Radios wirklich steckt, ist simpel wie faszinierend. Zwar ist das Radio nicht das Medium mit der größten Nutzungsdauer, dafür aber das mit der über die Jahre konstantesten. Doch was ist es denn jetzt eigentlich, was das Radio so attraktiv gegenüber anderen Medien macht? Zunächst scheint das Radio sehr anpassungsfähig zu sein. Neue Medien, wie damals das Fernsehen oder seit den neunziger Jahren das Internet, haben nichts daran geändert, dass Radio ein steter Begleiter der Menschen geblieben ist.

In den Anfangsjahren galt das Radio als das wichtigste Informationsmedium. Während die zumeist vertretenden Lokal- und Regionalzeitungen vor allem ortsbezogene Informationen lieferten, berichtete das Radio zusätzlich darüber, was über die Grenzen des Regionalen hinaus passierte. Das gezielte Hören vereinte oftmals die Familien und Freunde zu einer gemütlichen Runde, bei der gemeinsam den Tönen aus der weiten Welt gelauscht wurde.

Die Erwartung, dass die Verbreitung des Fernsehers und die Erfindung des Internets die Radionutzung erschüttere, wurde nicht bestätigt. Entwicklungen, wie die Verbreitung des Internets, waren dem Radio sogar zuträglich. Der Hörfunk profitierte durch das www und insbesondere auch durch die sich im 21. Jahrhundert verbreitende Verfügbarkeit von mobilen Internet, wodurch das Radio noch viel präsenter im Alltag geworden ist.

Heute ist Radio zudem längst nicht mehr nur auf UKW-Frequenzen, sondern auch digital über neue Standards wie DAB+ verfügbar. Das Internet kann die Bindung des Hörers an das Radio sogar noch stärken, denn das Hören ist orts- und zeitungebunden möglich. Fast 16 Prozent der Hörer nutzen laut einer Umfrage das Radio mittels Tablet, PC oder Smartphone (LINK Institut, 20121). Die Sender haben ihre eigenen Webpages und interagieren in sozialen Medien. Und auch die Infrastruktur des Hörfunks hat sich gewandelt. Während es laut der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. im Jahr 1987 gerade einmal 44 Sender gab, haben gegenwärtige Hörer in Deutschland die Wahl aus über 400 Sendern. Die Radiolandschaft ist von privaten Sendern geprägt, mit nur 64 Sendern nimmt das Öffentlich-Rechtliche einen deutlich geringeren Teil ein. Und wie hat sich die Nutzung gewandelt? Hat man sich früher zu festen Zeiten an den gleichen Plätzen mit denselben Leuten getroffen, das Radio-Hören als eine aktive und bewusste Tätigkeit betrieben, wandelte es sich über die Jahre eher zu einem Nebenbei – Medium. Heute schalten über 50% der Deutschen das Radio beim Autofahren ein, fast 40% bei der Hausarbeit und immerhin 6% hören es unter Dusche (LINK Institut, 2012). Das Radio ist der Tagesbegleiter und die eher passive Nutzung lässt die Vermutung aufkommen, dass gezielte Motivationen, wie zum Beispiel der bewusste Genuss von Musik oder von Hörspielen keine große Bedeutung mehr hat.

          Wird Radio-Hören noch wertgeschätzt? Passiv und nebenbei, denn genau das ist es, was die Menschen so am Radio lieben. Das bloße Zuhören verlangt keine hundertprozentige Konzentration, so dass man während seiner Nutzung auch anderen Tätigkeiten nachgehen, dem Gehörten aber trotzdem folgen kann. Denn das Einzige, was man aktiv machen muss: Radio anschalten und zuhören. Vorteile, womit Fernsehen oder Lesen nicht dienen können.

      Im Gegensatz zu Musikstreamingportalen wie z.B. Spotify, bekommt der Radionutzer aber auch regelmäßig Werbung zu hören, nervige Moderatoren, die früh halb sechs eine kaum nachzuvollziehende gute Laune haben und sich ständig wiederholende Jingles. Warum bleiben also die Menschen beim Radio, statt einfach auf einen Streaming-Dienst zu wechseln, der nur noch die gewünschte Musik spielt und für die Nachrichtennutzung auf andere Quellen zuzugreifen? Möglichweise ist es eben jene Kombination aus Unterhaltung und Information, die den Hörer an den Äthern hält. Möglicherweise ist es aber auch der Wiedererkennungswert. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und wenn er erstmal seinen richtigen Sender gefunden hat, gehören die Intros und Jingles, die wiederkehrenden Gewinnspiele, ja selbst die Stimme des Moderators irgendwann einfach dazu. Wer die größten Gewohnheitstiere in der deutschen Bevölkerung in Deutschland 2016 sind, zeigt die von ag.ma 2016 Radio II veröffentlichte Statistik der Tagesreichweiten bei der Radionutzung.

    Betrachtet man die Altersklassen, geben die 30 bis 59-jährigen an Wochentagen mit 82% den Ton an, dicht gefolgt von den 50+ mit 81%. Die Ähnlichkeit zu der ebenfalls sehr hohen Nutzung der Berufstätigen bzw. der Rentner lässt vermuten, dass die gegenwärtigen Lebenssituationen unmittelbar mit der Nutzung des Radios zusammenhängen. Erstaunlich ist auch die überraschend große Nutzung von 79% bei der Alterklasse 10+. Auffallend ist die durchweg schwächere, aber trotzdem sehr starke Nutzung am Samstag und Sonntag gegenüber den Wochentagen.

Das Radio gehört zwar zum alten Leder in der Medienbranche und ist andererseits für neue Innovationen flexibel genug. Der Audiomarkt ist ständig in Bewegung und so wird sich zeigen, ob das Radio, das in seiner Branche bisher so konkurrenzlos erscheint, in Zukunft mit möglichen Neuerscheinungen zu kämpfen hat.

Justine Gerlach