Sichtbarer durch Personalisierung? Spitzenkandidaten im Europawahlkampf

Acht Fraktionen, 28 Mitgliedsstaaten, 507 Millionen EU-Bürger – doch die alle fünf Jahre stattfindende Wahlen zum Europäischen Parlament (kurz: Europawahlen) werden von Wählern, nationalen Politikern und Massenmedien gleichermaßen lediglich als nationale Nebenwahlen, wenn überhaupt, wahrgenommen. Seit der ersten Europawahl im Jahr 1979 sinkt die Wahlbeteiligung stetig, wodurch letztlich die demokratische Legitimität des Europaparlaments zunehmend in Frage gestellt wird. Mit dem Ziel, dies zu ändern, wurden zur Europawahl 2014 (22. – 25. Mai 2014) erstmals paneuropäische Spitzenkandidaten nominiert, die die Wähler durch einen europaweiten Wahlkampf direkt ansprechen und zum Urnengang mobilisieren sollten. Nominiert waren Jean-Claude Juncker (CDU/CSU u.a.), Martin Schulz (SPD u.a.), Guy Verhofstadt (FDP u.a.) Ska Keller/José Bové (Grüne) und Alexis Tsipras (Linke). Auf Basis dieser Entwicklung, stellte sich Heidi Schulze in Ihrer Masterarbeit Frage, inwiefern die strukturelle Neuerung der Spitzenkandidatennominierung vor dem Hintergrund der Personalisierung in der Berichterstattung zur Europawahl berücksichtigt wurde und welchen Einfluss diese auf die Bekanntheit der Kandidaten innerhalb der Bevölkerung hatte. Analysiert hat sie dies mittels einer länderübergreifenden, quantitativen Inhaltsanalyse der Europawahlberichterstattung in den meinungsführenden Tageszeitungen der drei einflussreichsten EU-Mitgliedsstaaten Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich. Zur ergänzenden Erklärung der Daten aus der Inhaltsanalyse hat Schulze Befragungsdaten aus der European Election Voter Study 2014, einer repräsentativen Nachwahlbefragung aller EU-Bürger herangezogen.

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Die Analyse der Berichterstattung offenbarte enorme länderspezifische Unterschiede in Berichterstattung hinsichtlich Sichtbarkeit, Inhalt, Tonalität und Präsenz der Spitzenkandidaten. Vor allem im Vereinigten Königreich wurde kaum über die Europawahl berichtet. Trotz ihrer Bedeutung waren die Spitzenkandidaten in der deutschen, französischen und britischen Berichterstattung kaum präsent. Über die zwei bekanntesten Kandidaten Juncker und Schulz wurde am häufigsten und umfangreichsten berichtet. Jedoch waren auch diese, gemessen an ihrer Bedeutung im Wahlkampf, stark unterrepräsentiert. Der inhaltliche Fokus der Berichterstattung konzentrierte sich vielmehr auf nationale Politiker und Parteien. Entsprechend gering war der Einfluss der Berichterstattung – untersucht anhand der Tageszeitungsnutzung – auf die Kenntnis der Spitzenkandidaten innerhalb der wahlberechtigten Bevölkerung. Ein auf der Präsenz der Spitzenkandidaten basierender, mobilisierender Effekt der Tagesbericht-erstattung war demzufolge nicht zu erkennen. Die an die Nominierung der Spitzenkandidaten geknüpften Hoffnungen, spiegeln sich in der Zeitungsberichterstattung nicht wider. | Heidi Schulze

Die für dieses Arbeit sehr umfangreiche Codierarbeit der Zeitungsartikel wurde von externen Codierern durchgeführt und durch den Förderverein des IfK finanziell im Umfang von 300€ bezuschusst. Für die Unterstützung möchte die Autorin dem Förderverein ihren großen Dank aussprechen, da diese das Forschungsvorhaben erst ermöglicht hat. Ein auf Basis der Arbeit entstandener Artikel befindet sich derzeit im Review-Verfahren für ein Journal.