Nachteulen im Hochhaus

Foto: Matthias Pätzold@pixelio.de“Einsam, denn es sind so viele” – diesen Titel trägt ein Vorstellungsvideo des studentischen Zuhörtelefons “Nighline”. Viele Studenten fühlen sich einsam, weil sie Probleme haben, im Uni-Stress unter den vielen Studenten Kontakte zu knüpfen und aufrecht zu erhalten. Doch wem kann man sich dann in komplizierten Situationen anvertrauen? Auf diese Frage bieten in Deutschland seit 1995 verschiedene Zuhörtelefone von Studenten für Studenten Antwort. Vorbild war England mit den ersten Zuhörtelefonen und seid 2009 gibt es diesen Dienst auch in Dresden. Die Nightline bietet von 21 bis 1 Uhr Nachts Dienstag, Donnerstag und Sonntag ein anonymes, offenes Ohr für alle Arten von Problemen. Ein Gespräch dauert maximal 45 Minuten um die eigene körperliche und geistige Leistungsfähigkeit zu wahren. Dabei betonen die Mitglieder der Nightline, keine professionelle Beratungsstelle zu sein und somit auch in der Regel keine Ratschläge oder Empfehlungen zu geben, da sie dafür nicht ausgebildet sein? Vielmehr würden sie dem Anrufer helfen, seine Gedanken zu hinterfragen und zu ordnen, so dass dem Hilfesuchenden Raum bleibt, um eigene Lösungen und Ideen zu entwickeln. Die meisten wüssten schon die Antwort auf ihr Problem, nur häufig wäre es so, dass die Anrufer Angst hätten, sich ihrem Problem zu stellen. Die rund 20 Nightliner helfen verzweifelnden Studenten, sich dieser Antwort bewusst zu werden. Besonders in der Prüfungszeit würden sich die Anrufe häufen, aber es gibt auch Tage, an denen sich niemand meldet. An solchen ruhigen Abenden versuchen die Nachteulen, sich auf verschiedene Art und Weise wach zu halten. Einige würden zusammen Lernen, Filme gucken, Lesen oder lebhafte Gespräche führen, wie mir ein Nightliner verrät. Sobald das Telefon jedoch klingelt seien alle wieder hellwach.

Auf die Frage, warum es besonders schwierig ist unter vielen Menschen Kontakte zu knüpfen antwortet mir ein Nightliner: „Bei vielen Menschen auf einem Haufen entsteht sehr leicht Anonymität. Ein viel zitiertes Beispiel ist ja etwa das kleine Dorf, wo jeder jeden kennt und man sich um den Nachbarn kümmert versus das große Hochhaus, in der Stadt, wo man den Nachbarn nur sieht, wenn er mal ein Paket für einen annimmt. Zudem fällt es trotz der reichhaltigen Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen, nicht jedem leicht, dies auch tatsächlich zu tun und dann diese Kontakte auch noch aufrecht zu erhalten.“ Jedes Problem würde sehr ernst genommen und der Hilfesuchende könne sich dem Verständnis auf der anderen Seite der Leitung sicher sein. Die Hemmschwelle, Fremden etwas zu erzählen sei oft geringer als bei Bekannten. Da Außenstehende meist keinen direkten Kontakt mit den Problemen hätten, könnten sie andere Perspektiven besser aufzeigen und die gesamte Situationen objektiver bewerten. Dazu meint ein Nightliner: „Beim anonymen Telefonat müssen sich die Anrufer nicht um die Konsequenzen ihrer Aussprache sorgen“, so dass das Gespräch mit „Fremden“ gerne in Anspruch genommen wird. Zudem würden die geschulten Mitglieder der Nightline eine vertrauensvolle und empathische Atmosphäre bei ihren Gesprächen zu schaffen. Keiner mit einem Problem solle Angst haben, am Hörer allein gelassen zu werden.

Neben dem klassischen anonymen Telefonat bietet die Nightline auch Hilfe via Skype an. Hierfür wird eine Technik verwendet, die die Skype-Anrufe auf das Telefonat umleitet und somit nicht mehr unterschieden werden könne, ob der Anrufer über Skype oder Handy angerufen hat. Die Telefonnummer bei normalen Anrufen wird ebenfalls nicht angezeigt, so dass die Anonymität wirklich gewahrt werden kann. Nächstes Semester soll dann auch das so genannte, natürlich anonymisierte, E-Mail-Listening eingeführt werden, um noch besser helfen zu können. Die Zuhörer der Nightline kommen übrigens aus allen möglichen Studiengängen, von Psychologie über Wirtschaftswissenschaften bis hin zu Informatik. Diesen bunten Haufen eint der gemeinsame Wille, anderen zu helfen und gewissermaßen dadurch etwas zurück zu geben. Durch regelmäßige Schulungen und enger Zusammenarbeit mit anderen Anlaufstellen des Studentenwerks für Hilfebedürftige werden alle Mitwirkenden gleichermaßen gut auf die Gespräche vorbereitet. Dadurch gelingt es den Nightlinern, die Anrufer bestmöglich bei der Lösung ihrer Probleme zu unterstützen. Im Schnitt bleiben die Ehrenamtlichen 1 -2 Jahre bei der Nightline und stärken ihre Gemeinschaft unter anderem durch gemeinsame Unternehmungen und Veranstaltungen. Persönlich würden sich die Helfenden aus dem Projekt vor allem Gesprächstechniken und Selbstreflexion mitnehmen sowie das Gefühl etwas Gutes zu tun, aber auch schöne Erinnerungen an die gemeinsame Zeit würden bleiben.
Florentine Anna Zimmermann


Über Zuwachs und tatkräftige Unterstützung sowie Spenden freut sich das Nightline –Team immer. Weitere Informationen finden Interessierte auf der Internetseite
www.nightline-dresden.de


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