Neunundreißigneunzig – Lüge oder Wirklichkeit?

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Für die Rubrik „Filme, die man als Medienforscher gesehen haben sollte“ haben sich unsere Autoren diesmal den Film „39,90“ angeschaut und sind zu einem zwiespältigen Urteil gekommen. Warum Ihr den Film unbedingt sehen solltet und was daran kritisch zu betrachten ist, haben wir in einem Pro- und Contra-Kommentar besprochen. Doch zunächst zum Inhalt [Spoiler!]:

 

 

 

„Man kann alles kaufen: die Liebe, die Kunst, den Planeten Erde, Sie und Mich. Vor allem mich. Der Mensch ist ein Produkt wie jedes andere; mit einem Verfallsdatum. Ich bin Werbefachmann. Einer von denen die Sie von Dingen träumen lassen, die es für Sie niemals geben wird. Ein ständig blauer Himmel, makellose Mädchen, perfektes Glück, retuschiert mit Photoshop. Sie glauben ich würde die Welt verschönern? Falsch. Ich mache sie kaputt. Alles ist nur provisorisch: die Liebe, die Kunst, der Planet Erde, Sie und ich. Vor allem ich.”

Octave Parango (Jean Dujardin), der Protagonist des französischen Films „39,90” (2007) von Jan Kounen, ist ganz oben im Pariser Werbeolymp angekommen. Er schreibt seine Kreativkonzepte in wenigen Minuten und gilt als Genie in seiner Firma „Ross & Witchkraft“. Als Art Director bestimmt er, was die Menschen morgen kaufen. Völlig abgehoben und gefangen in dieser Scheinwelt feiert er exzessive Partys und vor allen Dingen sich selbst. Auf diesem Höhepunkt angekommen begegnet er seiner große Liebe Sophie (Vahina Giocante). Als Sophie schwanger von ihm wird, entzieht er sich der Verantwortung, verliert sie und prompt gerät seine Scheinwelt gefährlich ins Wanken. Wachgerüttelt aus seinem drogenvernebelten Leben wird Octave klar, dass er selbst ein Gefangener der Werbewelt ist.

„Ich bin es, der Ihren Geist penetriert und in Ihrer rechten Gehirnhälfte zum Höhepunkt kommt.“

Völlig verzweifelt will er sich aus dem System lösen und Sophie zurück gewinnen. Um der Werbebranche einen Denkzettel zu verpassen sabotiert er daher in Florida eine Joghurt- Werbung, verliert sich jedoch nach seinem Triumph wieder in Alkohol und Party. Auf dem Weg zum Flugzeug, das ihn wieder zurück nach Paris bringen soll, überfährt er im Drogenrausch Passanten, schafft es jedoch der Polizei zu entkommen. Letztendlich holt ihn dann die grausame Realität wieder ein. Sophie hat sich z das Leben genommen, die Polizei kann ihn aufspüren und identifizieren. In seiner Verzweiflung flieht er auf das Dach des Agenturgebäudes und stürzt sich hinunter. Oder war doch alles nur ein Traum?

Dem Zuschauer wird ein alternatives Ende geboten, in dem Octave nach seiner Sabotage untertaucht und sich von der Werbewelt lossagt. Zurückgezogen im Dschungel lebt er einige Zeit bei Einheimischen und führt dort ein Aussteigerleben. Diese Variante des Endes schließt damit, dass Sophie ihn aufspürt und die beiden wieder glücklich vereint sind.

Die Wiedervereinigung der Liebenden zeigt sich auch auf einem Werbeplakat, dass Octave bei seinem Sprung vom Agenturgebäude erblickt. Realität oder Lüge?

Florentine Zimmermann


Pro: Auf abgedrehte Art und Weise unterhaltend und mitreißend zugleich

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Der Werbetexter Octave deckt mit seiner überspitzten Geschichte, die Verderbtheit der Werbebranche auf. Er ist selbst Täter, und leidet dennoch zunehmend unter der unstillbaren Gier der Konsumenten. Eine Gier, die er selbst entfacht und nährt. Octave ist als Figur nicht sympathisch, er ist keinesfalls der typische Held – eher der Antagonist. Dennoch ist er es, der die Skrupellosigkeit des Systems, für das er arbeitet, erkennt und zu verachten lernt. Octave lehnt sich auf, doch endet scheinbar jeder Schritt in drogenreichen Exzessen und Katastrophen. Sein Charakter wirkt an mancher Stelle schon dem Wahnsinn nah, dennoch bewahrt die Figur ihr Charisma.

„Perfektes Glück, retuschiert mit Photoshop. Sie glauben, ich würde die Welt verschönern? Falsch. Ich mache sie kaputt.”, rechnet Octave mit seiner Arbeit ab.

Grade die Tragik des Protagonisten, lässt Octaves Wahnwitz glaubhaft wirken. Wie sonst, als mit beißendem Zynismus, könnte er seiner Umwelt begegnen? Schnelle Schnitte und bunte Bilder verdeutlichen die abgedrehte Werbewelt, in welcher Octave lebt. Dies macht den Film einzigartig – auf abgedrehte Art und Weise ist er unterhaltend und mitreißend zugleich. Jan Kounen schafft eine bunte, gewaltsame und überspitzt verrückte Welt, fernab der Wirklichkeit. „39,90” kritisiert geschickt auf satirische Art die Konsumgier unserer modernen Gesellschaft. Mit Octave als Täter und Opfer des Systems, als tragischen Helden und egoistischen Antagonisten, präsentiert Kounen uns das traurige Ergebnis des Massenkonsums. Am Ende bleibt Octaves Erkenntnis:

„Alles ist käuflich: die Liebe, die Kunst, der Planet Erde, Sie, ich. Vor allem: ich!”

Antonia von Richthofen


Contra: Absolut wirr, chaotisch und klischeehaft

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39,90 ist eine sonderbare Satire, welche einem Psychogramm eines Mannes gleicht, der zum Opfer der von ihm selbst geschaffenen Welt wird. Das Leben des im Mittelpunkt stehenden Werbetexters Octave wird äußerst überzeichnet dargestellt. Es gleicht dem Stereotyp des zynischen, egoistischen und drogensüchtigen Kreativen.Wie zu erwarten, verfällt Octave immer wieder dem mit Drogen durchzogenen Partyleben, welches der Geschichte jegliche Innovation nimmt. Die Handlung wirkt absolut wirr, chaotisch und klischeehaft. Besonders bizarr sind die surrealen Szenen und die zum Teil abartigen und stark übertriebenen Darstellungen. Zum Ende hin wird versucht der Geschichte mit der Sabotage des Werbespots einen tieferen Sinn zu geben, was jedoch kaum gelingt. Die darauffolgenden Szenen entgleiten erneut in eine Absurdität, welche dem Film jeglichen Ernst entziehen. Das Ende bleibt offen. Der Zuschauer kann nun zwischen zwei gleichartig abwegigen Schlüssen wählen, die beide mehr als überzogen dargestellt werden. Der gesamte Inhalt und die Darstellung des Films ist äußert überspielt, absonderlich und fremd, kurz: nicht empfehlenswert!

Josephine Daduna


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Stimmt Ihr eher der Pro- oder der Contra-Seite unserer Rezension zu?

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