Dschini zurück in die Flasche? – Fünf Kommunikationswissenschaftler diskutieren die Zukunft ihres Fachs

Es ist der 9. November 2009. Eigentlich bedarf es schon außergewöhnlicher Anstrengungen, so viele renommierte Kommunikationswissenschaftler zu einer Debatte über die Zukunft des Fachs zusammenzubekommen. Doch wenn man Prof. Esteban Lopez-Escobar und Prof. Manuel Martin Algarra von der Universität Navarra, Prof. Hans Mathias Kepplinger und Prof. Dr. Jürgen Wilke aus Mainz und den Gastgeber Prof. Wolfgang Donsbach dort so locker und mit viel Witz vor dem Hörsaal-Auditorium von 400 Studenten diskutieren sieht, dann ist klar: Diese Männer kennen sich seit vielen Jahren – und sprechen sicher nicht das erste Mal miteinander darüber.

„Was bedeuten die Veränderungen für die Medien und die Gesellschaft?“, fragt Prof. Jürgen Wilke (rechts). Links im Bild: Prof. Manuel Martin Algarra Foto: mr
„Was bedeuten die Veränderungen für die Medien und die Gesellschaft?“, fragt Prof. Jürgen Wilke (rechts). Links im Bild: Prof. Manuel Martin Algarra Foto: mr

Seitdem die fünf angefangen haben, wissenschaftlich zu arbeiten, hat sich die Kommunikationswissenschaft dramatisch verändert. Es gebe heute so viele Zeitschriften, Themen und Studien, dass es schwerfalle, sich in diesem Feld noch zu orientieren, sagt Prof. Lopez-Escobar. Die neue Unübersichtlichkeit des Gegenstands, die sich in unendlich vielen Kommunikationskanälen und -angeboten ausdrückt, lässt nicht nur Prof. Wilke fragen, was das Gesellschaft und Medien bedeute. Alle fünf sind sich einig: Nichts hat die Medien und damit das Fach so stark verändert wie die Digitalisierung. Heute könne jeder kommunizieren, filmen, schreiben und verbreiten, die Grenzen zwischen Massen- und Individualkommunikation seien aufgehoben. Doch was sind die Konsequenzen, wenn jeder alles veröffentlichen darf? „Haben wir diese Freiheit gewollt?“, fragt Prof. Donsbach in die Runde. „Muss Dschini zurück in die Flasche?“ Braucht es, wie es Prof. Wilke formuliert, eine Beschneidung dieser völligen Kommunikationsfreiheit, um die Qualität zu retten? Prof. Kepplinger bezweifelt dies, vielmehr müssten Standards definiert werden, weg von der Sicherung des Status Quo hin zu mehr Medienkompetenz. Schließlich frage das Publikum vor allem solche Inhalte nach, die sie nicht unbedingt als Staatsbürger ansprechen, gibt Prof. Algarra zu bedenken. Die wichtigste Frage scheint also zu sein: Welche Informationen und wie viel davon brauchen die Bürger, um ihre Umwelt zu verstehen und ein aktiver Teil der Gesellschaft zu sein? Prof. Kepplinger zeigt sich über die Entwicklung besorgt, dass selbst in den gesellschaftlichen Eliten Informationsklüfte aufbrächen zwischen den gut Informierten und den oberflächlich Informierten, die Opfer einer „illusion of understanding“ geworden sind.

Ganz zufällig sind die fünf Kommunikationswissenschaftler am 9. November übrigens nicht aufeinandergetroffen. Sie waren zum Geburtstag von Prof. Wolfgang Donsbach an diesem Tag gekommen, und so wurde die Hörsaal-Debatte über die Zukunft des Fachs auch dem Anlass entsprechend geschlossen: mit einem Geburtstagsständchen.

Mathias Rentsch