Sarrazin – Außer Thesen nichts gewesen?

Mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ bestimmte Volkswirt Thilo Sarrazin in der zweiten Jahreshälfte die Schlagzeilen und löste eine bundesweite politische Debatte über Integration, Ausländerfeindlichkeit und Meinungsfreiheit aus. Aber konnte man aus den Medien objektiv erfahren, was die Inhalte seiner Thesen sind und welche wissenschaftliche Validität sie haben?

Zur Klärung dieser Fragen luden das IfK und sein Förderverein bereits am 18. Oktober zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung mit den Professoren Heiner Rindermann und Hans Mathias Kepplinger ein. Etwa 500 Gäste folgten zunächst dem Vortrag des Psychologen Heiner Rindermann, der Sarrazins Kernbehauptungen wissenschaftlich prüfte und bewertete. Sarrazin schreibt, Intelligenz sei zum einen wichtig für Wachstum und Wohlstand, stelle das Ergebnis von Erbe- und Umwelteinflüssen dar und die kognitive Kompetenz der nachfolgenden Generationen werde sinken. Zahlreiche Querschnittsstudien, so Rindermann, bestätigten tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und dem Bruttosozialprodukt eines Landes. Aber auch andere Faktoren wie Fleiß und Disziplin müssten einbezogen werden. Untersuchungen zu Erblichkeitsschätzungen in westlichen Gesellschaften hätten ergeben, dass sich Unterschiede durchaus auf genetische Faktoren zurückführen lassen. „Rückschlüsse auf die Beziehung von Genen und Intelligenz kann man dadurch aber nicht ziehen“, relativierte Rindermann.

Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand der Wissenschaft: Prof. Hans Mathias Kepplinger, Prof. Wolfgang Donsbach und Prof. Heiner Rindermann (v.l.n.r.) Foto: Sabine Mai
Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand der Wissenschaft: Prof. Hans Mathias Kepplinger, Prof. Wolfgang Donsbach und Prof. Heiner Rindermann (v.l.n.r.) Foto: Sabine Mai

Sarrazin berechnet je Generation einen zukünftigen Verlust von einem IQ-Punkt, andere Wissenschaftler prognostizieren sogar einen Rückgang von 1,3 Punkten. Besonders umstritten sind die Thesen bezüglich der Beziehung von Bildung, kognitiver Kompetenz und Religion. Zwar zeigen auch hier Studien Unterschiede zwischen Christen, Muslimen und Juden, diese Mittelwerte seien aber mit großer Vorsicht zu interpretieren. Anschließend sprach der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger zur Medienberichterstattung über den „Fall Sarrazin“. So ließen sich drei Phasen der Berichterstattung erkennen: Die erste Phase leitete der Vorabdruck im „Spiegel“ ein. Danach kam es „zur weitgehenden Tabuisierung der Sachthemen durch die Skandalisierung der Person Thilo Sarrazin“, so der Dozent des Instituts für Publizistik der Universität Mainz. In Polit-Talkshows wie „Hart aber fair“ seien vorwiegend nur Gegner aufgetreten, das Einschalten der Bundespolitik in die Debatte habe zur Isolation des Autors geführt. Innerhalb der zweiten Phase standen sich dann jedoch Befürworter und Gegner gegenüber. Dieser atypische Verlauf begründe sich einerseits durch das große Interesse der Bevölkerung und die daraus resultierende Verkaufsspitzenposition des Buches vor der eigentlichen Veröffentlichung und andererseits durch die enorme Flut an direkten Reaktionen, die die Redaktionen erreichten. Nun hätten sich auch journalistische Unterstützer in Leitartikeln, fachwissenschaftliche Stellungnahmen zu Wort gemeldet. „Das Unsagbare wurde sagbar und wer konnte, brachte es vor“, lautete die Beschreibung der dritten Phase. Im Anschluss moderierte Professor Wolfgang Donsbach die sehr rege und hitzige Diskussion.

Katja Spitzer