Quo vadis Anwesenheitspflicht?

Besucht man heutzutage eine der zahlreichen von der Universität aus angebotenen Lehrveranstaltungen, ist es längst keine Seltenheit mehr, einen fast leeren Hörsaal vorzufinden.

Gerade die früh am Morgen oder spät am Abend stattfindenden Lehrveranstaltungen stehen oft nicht auf dem Tagesplan vieler Studenten. Denn sie können frei entscheiden, an welcher Lehrveranstaltung sie teilnehmen wollen. Dennoch gibt es unterschiedliche Auffassungen und Meinungen zum Thema Anwesenheitspflicht. Schaut man sich die aktuelle Fassung des Sächsischen Hochschulfreiheitgesetzes (SächsHSFG) §4 -Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung, Lehre und Studium- an, wird deutlich, dass die Freiheit des Studiums einem jeden Studenten das Recht einräumt, frei zu entscheiden, welche Lehrveranstaltungen er besucht, sowie das Recht, eigene Schwerpunkte im Rahmen des jeweiligen Studiengangs zu setzen. Somit ist es zumindest rechtlich völlig legitim, wenn ein Student nicht zu einer Lehrveranstaltung erscheint. Denn wie am besten gelernt wird, hängt schließlich vom Studenten selbst ab. Für manche ist es hilfreich, die angebotenen Lehrveranstaltungen wahrzunehmen, andere hingegen können sich das Wissen besser alleine aneignen. Wichtig ist am Ende doch nur, dass das angeforderte Wissen und die Kompetenzen vorhanden sind.

Viele Studenten sind der Meinung, ein Seminar sei qualitativ hochwertiger, wenn motivierte Studenten aus freier Entscheidung anwesend sind und somit eine gute Lernatmosphäre herrscht. Kommilitonen, die während einer Lehrveranstaltung sowieso nur „tratschen“, also sich über persönliche Angelegenheiten austauschen, können gleich Zuhause bleiben oder woanders ihre Unterhaltung fortführen ohne dabei groß eine Veranstaltung zu stören. Von vielen Studenten wird Eigenverantwortung und Freiwilligkeit als wichtige Voraussetzung für ein Studium genannt.

Diese Ansätze würden die Anwesenheitsplicht an Universitäten zunichte machen. Dennoch sollte man die andere Seite der Diskussion zur Präsenzpflicht betrachten. Denn durch die Abwesenheit vieler Studenten lassen sich viele Lehrveranstaltungen nur schwer planen und es ist beispielsweise kaum möglich, passende Räume zu vergeben. Befürworter der Anwesenheitspflicht argumentieren, dass es nicht nur um die physische Anwesenheit geht, sondern um die intellektuelle Präsenz. Ein Student sollte nicht nur in der Lage sein, angeeignetes Wissen aufzuarbeiten um es eigenständig darzulegen, sondern auch im Gespräch mit anderen Unzugänglichkeiten entdecken und das eigene Verstehen in Auseinandersetzungen überprüfen. Diese Fähigkeiten und Kompetenzen kann ein Student nur erlernen, wenn er das Angebot der Lehrveranstaltungen wahrnimmt. Beispielsweise kann man in Nordrein-Westfalen künftig Lehrer, Hochschullehrer oder Politikberater werden, ohne das freie Argumentieren je sachbezogen geübt zu haben.

Es stellt sich die Frage, ob Lehrende bei anspruchsvollen Aufgabenstellungen in Zukunft vor leeren Stühlen sitzen. Oder erscheinen gar immer nur dieselben Studenten und gibt es dann Überhaupt noch vielfältige Meinungen auf dessen Grundlage diskutiert werden kann? Müssen Dozenten in ihrer Vorlesung die Studenten aktiver einbeziehen, um deren Aufmerksamkeit zu gewinnen oder warum bleiben viele Studenten oft fern?

Besteht nicht ein gegenseitiges Interesse an Respekt und Teilnahmebereitschaft? Professoren wünschen sich motivierte und aufnahmefähige Studenten, die bereit sind, mal für eineinhalb Stunden zuzuhören, ohne dabei mit dem Nachbarn in persönliche Gespräche abzuschweifen. Studenten wünschen sich motivierte Professoren, die ihren Lehrinhalt nicht bloß „runterrattern“, sondern an gegenseitigem Austausch interessiert sind und ihre Studenten aktiv in die Lehrveranstaltung mit einbeziehen.

Vielleicht sollte geklärt werden, was es überhaupt bedeutet, an einer Universität oder Hochschule zu studieren. Ist mit dem Wort „Studium“ nicht die aktive Teilnahme eines Studenten an den jeweiligen Vorlesungen, den Seminaren, der Praktika und den Tutorien gemeint? Wenn dieser sowieso selten anwesend ist oder sich sein Wissen lieber Zuhause aneignet, sollte er vielleicht seine Beweggründe überdenken und ein Fernstudium absolvieren. Denn hier findet das Studium abseits vom Campus statt.

Abschließend lässt sich sagen, dass es verschiedene Auffassungen und Meinungen seitens der Studenten und Lehrenden zum Thema Anwesenheitspflicht gibt. Gerade deshalb sollte ein jeder Student seine persönlichen Bewegründe und Einstellungen, warum er gerade ein universitätsbezogenes Studium absolviert, nochmal überdenken und sich mit beiden Seiten der Debatte um die Anwesenheitspflicht vertraut machen.

Nathalie Lange

Und was meint Ihr? Sinnfreie Zwangsmaßnahme oder motivierende Regel? Stimmt ab:

Haltet Ihr Anwesenheitspflicht an der Uni für sinnvoll?

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